18.03.2016 / Nachladen bitte: Elektromobilität im Landkreis

Bad Neustadt an der Saale ist seit fünf Jahren Modellstadt Elektromobilität - was sich dadurch verändert hat und wer im Landkreis elektrisch unterwegs ist

Foto: Anja Greiner

Ulrich Leber, technischer Werkleiter bei den Stadtwerken Bad Neustadt an der Saale kann von seinem Büro aus die Ladestation sehen. Er kann sehen, das im Schnitt ein Auto am Tag an die Ladestation angeschlossen wird. Auftanken in Zeiten neuer Mobilitätskonzepte. Er kann auf Anhieb aufzählen, wer in der Stadt ein Elektroauto fährt. Erkennungsmerkmale in Zeiten erneuerbarer Energien.

 

Vor fünf Jahren wurde Neustadt an der Saale als erste Bayerische Modellstadt für Elektromobilität ausgewählt. Seitdem hat sich einiges getan.

 

"Der Boom", sagt Natascha Wallace vom Autohaus Graf in Bad Kissingen, "hat schon längst wieder nachgelassen". Vor vier Jahren, als der erste Opel Ampera auf den Markt kam sei die Nachfrage am größten gewesen. Der Verkaufspreis beginnt bei 49 000 Euro, zehn haben sie im vergangenen Jahr verkauft.

 

Die Kunden: Überzeugungstäter. Wer ein Elektroauto möchte, sagt Wallace, der hat sich bereits gut informiert, bevor er ins Autohaus kommt. Ein paar Hundert Meter weiter, im Autohaus Vossiek, Gelder und Sorg steht ein E-Golf. Vorführwagen. "Das Interesse ist auf jeden Fall da", sagt Melanie Manninger, zu den Verkaufszahlen darf sie sich nicht äußern, das größte Gegenargument von Seiten der Käufer derzeit: der Preis. Dicht gefolgt von den niedrigen Spritpreisen.

 

Oliver Heim ist 47 Jahre alt, arbeitet in der Kantine der Bundeswehr auf dem Lagerberg in Hammelburg und fährt seit einem Jahr ein Elektroauto, ein Kleinwagen von Renault. "Für meine Zwecke ist es optimal."

Die Reichweite im Sommer: 100 Kilometer. Im Winter: 160 Kilometer. "Man kann auch bis Frankfurt fahren", sagt er. Wenn man den Wagen in Lohr eine gute halbe Stunde an die Ladestation hängt. Heim geht dann einen Espresso trinken. Er fährt jetzt auch mal auf der Landstraße nach Schweinfurt. Er sagt: "Das Drehmoment ist total genial - ab der ersten Sekunde voll da."

 

Der Kostenfaktor des E-Autos ist überschaubar. "Die Kilometerkosten liegen auf Dieselniveau." Längere Strecken fährt Oliver Heim dennoch mit Verbrennungsmotor.

 

Voraussichtlich noch in diesem Jahr wir es eine von der Regierung geförderte Kaufprämie für Elektroautos in Höhe von 5000 Euro geben. Ob das die Lösung ist? Ulrich Leber bezweifelt das. Für ihn liegt die vielmehr in einer ausreichenden Lade-Infrastruktur. "Längere Strecken können sie momentan nicht rein elektrisch fahren." Leber fährt privat ein Hybridfahrzeug, der Verbrennungsmotor lässt sich dann bei Bedarf zuschalten.

 

15 Ladesäulen sind im Stadtgebiet verteilt, pro Säule werden jährlich 3000 Kilowattstunden abgegeben, umgerechnet würden so rund zehn Fahrzeuge pro Tag geladen. Jede Säule gibt elf Kilowattstunden ab, vollgetankt sind die E-Autos im Schnitt mit 20 bis 30 Kilowattstunden.

 

Bis zur Fahrzeugschau Elektromobilität Mitte April soll am Festplatz eine Schnell-Ladesäule aufgestellt werden. Die ermöglicht nicht nur das Laden jedes Fahrzeugs jeder Marke, sondern auch eine Zeitersparnis: 50 Kilowattstunden wird die Säule abgeben. Noch ist das Tanken an allen Säulen kostenlos. Das soll sich ändern, ein Bezahlsystem eingeführt werden - wie hoch der Betrag sein wird steht noch nicht fest. Für Leber ist das Bezahlen auch an E-Tankstellen letztlich ein Gebot der Fairness.

 

Ebenfalls ein Gebot der Fairness war der richtige Umgang mit den 15,4 Millionen Euro, die dem Projektmanagement Elektromobilität in Bad Neustadt zur Verfügung standen. Es gab Ausstellungen, Probefahrstunden für Bürger, ein Förderverein wurde gegründet.

 

Es gibt einen Stammtisch "Elektromobilität", ein Pflegedienst hat kürzlich seine gesamte Fahrzeugflotte umgerüstet. Mit sieben E-Autos und zwei E-Bikes fahren die Mitarbeiter jetzt zu den Patienten. Es wurde in Bildung und Industrie investiert, ein Technologietransferzentrum und eine Fachhochschule für Elektromobilität und Fahrzeugtechnik gegründet. Über 200 Arbeitsplätze sind so in den vergangenen fünf Jahren entstanden.

Wenn die Förderung Ende 2016 ausläuft, werden die Projekte weiterbestehen. Dafür sorgen Leber und sein Team.

 

Quelle: Saalezeitung vom 18.03.2016 - Infranken, Anja Greiner