26.01.2016 / Strom tanken im kleinen Dorf

E-Mobilität auf dem Vormarsch: In Serrfeld gibt es eine weitere Ladestation für Elektroautos im Landkreis

Foto: Alfred Kordwig

Exakt 146 Einwohner zählt der Sulzdorfer Gemeindeteil Serrfeld – und hat seit einigen Tagen neben der altehrwürdigen Kirchenburg ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: Das kleine Dorf ist der mit Abstand kleinste Ort im Landkreis Rhön-Grabfeld, in dem Nutzer von Elektroautos ihre Akkus ab sofort kostenfrei an einer öffentlich zugänglichen „Stromtankstelle“ aufladen können.

 

Von weitem ist noch nicht zu erkennen, dass der Pkw-Stellplatz vor dem Gasthaus Glückstein für Elektrofahrzeuge reserviert ist. Erst wenn der Blick auf eine entsprechende Hinweistafel fällt, ist klar: Hier kann ich die Batterie meines Elektroautos mit frischer Energie versorgen. Dass die Halter von Elektrofahrzeugen in Serrfeld Schlange stehen werden, um ihre Akkus aufzuladen, ist in absehbarer Zeit allerdings nicht zu erwarten. Zu überschaubar ist die potenzielle Kundschaft, denn „Stromer“ zählen immer noch zu den Exoten auf Deutschlands Straßen. Deshalb weiß Ralf Glückstein, dass so mancher seine Initiative belächeln dürfte. Doch das ist dem 39-Jährigen, der hauptberuflich als Ausbilder bei einem Schweinfurter Maschinenbauunternehmen tätig ist, egal.

 

„Ich möchte einfach einen kleinen Beitrag dazu leisten, das Netz an Ladestationen in Deutschland enger und Elektroautos dadurch attraktiver zu machen“, sagt der Serrfelder, der selbst Tag für Tag mit einem E-Mobil, einem BMW i 3, zur Arbeit fährt.

 

Geschäftsmodell aus Hamburg

 

Die Eröffnung der ersten öffentlichen Lademöglichkeit für E-Mobile im südöstlichen Grabfeld hat auch damit zu tun, dass Ralf Glückstein nebenbei einen so genannten „Care Energy Info Point“ betreut. „Care Energy“ sponsert die Serrfelder Ladestation, indem sie die Kosten für den entnommenen Strom übernimmt. Das Geschäftsmodell der in Hamburg ansässigen Firma, die Ökostrom zu Dumpingpreisen anbietet, ist allerdings umstritten. Mehrfach schon kritisierten Medien Preispolitik und Geschäftsgebaren. Zudem gab es Streit mit Netzbetreibern um die Abführung der EEG-Umlage.

 

Glückstein stellt sich vor das Unternehmen. „Da wird doch manches überspitzt dargestellt“, meint der Serrfelder. „Care Energy“ sei vor fünf Jahren mit neuen Ideen in den Markt gegangen, habe schon viele Kunden gewonnen und sei mittlerweile auch auf Strompreis-Vergleichsportalen zu finden. Zudem forciere die Firma die Energiewende, indem Filme gesponsert werden, die zum Beispiel den Atomausstieg thematisieren. „Ich bin jedenfalls fest von der Seriosität von Care Energy überzeugt“, sagt Glückstein.

 

Bei der Eröffnung der ersten „Stromtankstelle“ in ihrer Gemeinde wollte auch Bürgermeisterin Angelika Götz dabei sein. Sie verspricht sich einen, wenn auch kleinen, Werbeeffekt für Sulzdorf und begrüßt das Engagement von Ralf Glückstein. „Wenn sich erst einmal herumgesprochen hat, dass man in Serrfeld sein Elektroauto aufladen kann, wird die Ladestation mit der Zeit auch immer besser genutzt werden“, meinte sie. Das Dorf sei ein idealer Ausgangspunkt für Wanderungen in die Haßberge. „Währenddessen kann man sein Auto aufladen und dann mit vollem Akku wieder nach Hause fahren.“

 

Nicht einmal 0,5 Prozent Anteil

 

Wie viele Halter von Elektrofahrzeugen die neue Lademöglichkeit in Serrfeld tatsächlich nutzen werden, hängt von der weiteren Entwicklung der Elektromobilität ab. Die aktuellen Zahlen sind ernüchternd. Nach Auskunft von Stephanie Aman, Mitarbeiterin in der Zulassungsstelle des Landratsamtes Bad Neustadt, sind momentan 108 reine Elektroautos zugelassen, dazu kommen 120 Fahrzeuge mit Elektro/Benzinmotor, also Hybriden, macht zusammen nicht einmal 230 E-Mobile im Kreis Rhön-Grabfeld.

 

Bei rund 78000 zugelassenen Fahrzeugen ist das ein Anteil von nicht einmal 0,5 Prozent. Ob sich die in den vergangenen zwei Jahren von den Stadtwerken Bad Neustadt durchgeführte Aktion „Bürger-E-Mobil“ positiv auf die Zulassungszahlen von Elektrofahrzeugen auswirken wird, bleibt abzuwarten. 2014 und 2015 konnten sich interessierte Bürger einen Tag lang oder über das Wochenende kostenfrei ein Elektrofahrzeug ausleihen und ausgiebig testen.

 

Technischer Werkleiter Ulrich Leber, der auch Projektmanager für Elektromobilität ist, zieht eine positive Bilanz. „2014 hatten wir 190 Buchungen, im Jahr darauf waren es 155“, nennt er konkrete Zahlen.

 

Ob die Aktion im Jahr 2016 weitergeführt wird, stehe noch nicht fest. „Wir wollen erst die Auswertung unserer Befragung abwarten,“ so Leber. „Diese liegt uns spätestens im Mai vor.“

 

Öffentlich zugängliche Ladestationen für Elektroautos gibt es im Landkreis Rhön Grabfeld in Bad Königshofen, Bad Neustadt, Bastheim, Bischofsheim, Hendungen, Hohenroth, Mellrichstadt, Serrfeld und Sulzfeld. Alle Ladestationen in Deutschland und Europa gibt es im Internet unter www.lemnet.org

 

Quelle: Mainpost, Alfred Kordwig