11.05.2014 | Das Hoffen auf den Puffreis-Effekt

Podiumsdiskussion zum Auftakt der Fahrzeugschau Elektromobilität

(von links) Dr. Julian Weber (BMW), Christoph Hummel (Preh), Staatssekretär Franz Pschierer, Jörg Grothendorst (Siemens), Landrat Thomas Habermann, TTZ-Leiter Professor Dr. Ansgar Ackva, der Vorsitzende des Vereins M-E-NES, Dr. Hubert P. Büchs (Jopp Automotive) und Bürgermeister Bruno Altrichter.
Foto: Kritzer


 

In sechs Jahren sollen eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen fahren. So will es die Bundesregierung. Bei den derzeitigen Zulassungszahlen der umweltfreundlichen Fahrzeuge zeigt sich dieser Massentrend aber noch nicht wirklich. Ist das Elektroauto überhaupt für einen Großteil der Autofahrer interessant und geeignet?

In einer Podiumsdiskussion zum Auftakt der Fahrzeugschau für Elektromobilität diskutierten Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik über die Zukunft des Automobils. „Wir müssen unsere Zielpläne anpassen“, sagte Franz Pschierer zum Auftakt der Diskussion in der Stadthalle vor einem großen Auditorium. Das Ziel eine Million Elektroautos bis 2020 auf die Straße zu bringen, sei „sehr ambitioniert“, so der Staatssekretär aus dem bayerischen Ministerium für Wirtschaft, Medien, Energie und Technologie.

Die von Anke Gundelach (Bayerischer Rundfunk) geleitete Podiumsdiskussion zum Auftakt der vierten Fahrzeugschau für Elektromobilität war diesmal viel beachtet und sehr gut besucht. Im Publikum zahlreiche interessierte Bürger, Fahrer von Elektro- und Hybridautos, Studenten von Hochschulen aus nah und fern sowie Vertreter der E-Modellregionen Bayerischer Wald und Garmisch-Partenkirchen, die den ganzen Tag schon über ihre Entwicklungen in ihren Regionen in einem Statusseminar diskutiert haben.

Es braucht vielleicht wirklich nur einen Auslöser, um die Elektroautos in großen Mengen unter das fahrende Volk zu bringen. Dr. Julian Weber, Leiter für Innovationsprojekte Elektromobilität bei BMW hatte einen schönen Vergleich zur Hand: „Bei der Elektromobilität braucht es einen Puffreis-Effekt. Ist ein gewisser Punkt erreicht, dann geht im Topf der Punk ab“, so Weber. So einen Puffreis-Punk-Punkt will BMW mit seinem neuen und rein elektrisch betriebenen Modell I3 schon bald hervorrufen. Zumindest, wenn es nach BMW geht, der I3 war einer der Stars der diesjährigen Fahrzeugschau. Aber es ist erst ein Modell in der breiten BMW-Palette an Fahrzeugen, noch dazu ein kleines und obendrein eines, das auch nicht mehr Reichweite hat als die Konkurrenz anderer Markenhersteller. Dafür ist der BMW aber ein wenig teurer, was aber nach Auskunft Webers nicht von Bedeutung ist. „Es gibt genügend solvente Kunden.“

Wann kommt endlich der Punkt der massenhaften Verbreitung der (erschwinglichen) Elektroautos, der Puffreis-Moment für die Flüsterflitzer? Industrieunternehmen können die Antriebsmotoren längst bauen und für Jahrzehnte haltbar machen, so Jörg Grothendorst, Leiter der Business Unit „Inside e-Car“ bei Siemens. Die Elektromotoren hat Siemens, die Batterien hat Deutschland aber nicht. „Deutschland hat den Anschluss an die Batterietechnik und -produktion längst verpasst“, so Grothendorst. Andere Unternehmen wie Preh versuchen indes, Batterie und Elektromotor so gut es geht in Einklang zu bringen.

Batteriemanagement heißt das Zauberwort und im BMW I3 steckt schon eine ganze Menge Preh drin, wie Geschäftsführer Christoph Hummel betont. Genau diese Projekte in Firmen vor Ort sieht natürlich Landrat Thomas Habermann besonders gern und betont immer wieder den Begriff der Bildung von „Clustern“ aus der Vernetzung von Betrieben, Verwaltung, Politik, Wissenschaft und allen, die außerdem noch von dem Zukunftsthema profitieren können. In Bad Neustadt habe man es manchmal etwas schwerer, die elektromobile Modellstadt den Bürgern erklären zu können. „Was sich innovativ in diesen Unternehmen abspielt, das sieht man nicht unbedingt gleich auf der Straße“, so der Landrat.

Aber es sorgt für innovative Arbeitsplätze derer 130 bereits rund um die Modellstadt entstanden sind. Jobmotor Elektromobilität. Dabei ist das Interesse der Bürger an fahrbaren Elektroautos riesengroß. Das Bürger-E-Mobil der Stadtwerke ist so ein Beispiel. Ein Elektroauto verschiedener Marken kann dort regelmäßig zum Ausprobieren ausgeliehen werden. „Die Nachfrage nach dem Bürger-E-Mobil ist sehr, sehr gut“, sagte Bürgermeister Bruno Altrichter.

Und weil das Interesse an dem Thema so groß ist, sieht auch der M-E-NES-Fördervereinsvorsitzende Dr. Hubert P. Büchs (Jopp Automotive GmbH) eine Aufbruchstimmung in der Wirtschaft. Die Speicherkapazität von Elektroautos sinnvoll nutzen, das ist eines der Themen, die in Zukunft immer mehr interessieren, wie Büchs bemerkt. Intelligente Stromnetze braucht es hierfür, Stichwort: Smart Grid. Ein Thema, das auch das Technologietransferzentrum in Bad Neustadt sehr interessiert. Zehn Forschungsprojekte leitet Professor Dr. Ansgar Ackva in einem oberen Stockwerk der Jakob-Preh-Berufsschule. 25 Mitarbeiter sind darin beschäftigt davon international drei (zwei Ingenieure aus der Ukraine, eine Physikerin aus dem Iran). Sie alle arbeiten an Projekten, die sich (noch) nicht konkret auf die derzeit fahrenden Elektroautos in Bad Neustadt auswirken werden. Aber auf jeden Fall für die Autos der Zukunft, die zunehmend rein elektrisch und natürlich mit Strom aus regenerativen Energien angetrieben werden sollen.

Vielleicht gibt es ja beim Elektroauto schon bald einen ebensolchen Boom wie beim Elektrofahrrad, das heute schon millionenfach auf deutschen Radwegen anzutreffen ist. Wenn das eintritt, dann ist die vierrädrige Zukunft ganz gewiss rein elektrisch. Einen Hype braucht es hierfür auf jeden Fall, oder wie es Franz Pschierer formulierte: „Wir müssen das alles gemeinsam wollen!“

Quelle: Rhönundsaalepost

Stefan Kritzer