10.11.2012 |Das (weiß-)grüne Gewissen

Smart electric drive spielt vor allem in der Stadt und auf Landstraßen seine Stärken aus

Bad Neustadt. Nicolas Hayek stellte sich seine Erfindung, den Smart, als Auto mit Elektroantrieb vor. 14 Jahre nach der Markteinführung des Smart wird dieser Traum jetzt doch noch Realität. 

Wenn ein Elektromotor in ein aktuelles Fahrzeug passt, dann ist es der Smart. Viele Automobilhersteller begeben sich bei der Konzeption von Elektroautos nämlich in eine Sackgasse: Sie stecken in ein herkömmliches Auto einfach einen Akku und Elektromotor anstelle von Tank und Verbrennungsmotor. Konventionelle Autos sind jedoch zu groß und zu schwer und benötigen deswegen große und schwere Batterien, um eine akzeptable Reichweite zu garantieren. Die schweren Akkus drücken wieder aufs Gewicht und senken die Reichweite. 

Solange es noch keine Batterien gibt, die hohe Leistung mit niedrigem Gewicht kombinieren, kann der Weg nur ein kleineres Auto sein, um mit grünem Gewissen fahren zu können. 

Pfiffig und farbenfroh sieht es aus, das (weiß-)grüne Gewissen der Daimler-Tochter Smart. Zwar ist beim Karosseriedesign gegenüber dem Benzin-Smart bis auf die auffällige Farbgebung und das „electric drive“-Schild am Kofferraumdeckel kein Unterschied erkennbar, aber schon im Innenraum ist durch die zwei Zusatzinstrumente auf der Armaturentafel für Batteriekapazität und Energiefluss erkennbar, dass man in keinem Verbrenner sitzt. 

Wer noch nie in einem Smart gesessen war, wird überrascht sein, wie geräumig Fahrer und Beifahrer mit diesem Fahrzeug unterwegs sind. Auch der Kofferraum schluckt überraschend viel Gepäck, wenn man die Gepäckraumabdeckung entfernt und den kompletten Raum bis zum Dach belegt. Bis zu sechs Getränkekisten soll man unterbringen können, für einen Wochenendtrip sollte das Gepäckabteil also auf alle Fälle ausreichend sein.

Die Stadt ist das angestammte Revier des Smart. Hier spielt er seine Stärken aus, die in einer überragenden Handlichkeit und Wendigkeit und einem sehr kleinen Wendekreis liegen. Das Wenden ist bei breiteren Straßen ohne Probleme in einem Zug möglich und Platz findet der Smart in der kleinsten Lücke.

Auf Autobahnen ist der Smart mit Verbrennungsmotor eher seltener zu finden und für den Elektro-Smart wird das genauso gelten. Der Elektro-Smart fühlt sich in der Stadt und auf Landstraßen wohl. Hier spielt er auch die Vorteile des Elektromotors aus, da bei Elektromotoren die Beschleunigung rasch und annähernd linear verläuft. Kuppelpausen gibt es nicht und sobald man bremst oder längere Strecken bergab fährt, lädt sich die Batterie sogar wieder auf. Auch der Kick-Down beim Ampelstart macht sich nur durch mehr Kraft bemerkbar, lauter wird es im Cockpit und für die anderen Verkehrsteilnehmer nicht.

Der Smart bewältigt die Beschleunigung von 0 auf 60 km/h in unter 5 Sekunden und lässt somit viele stärkere Autos alt aussehen. Bei Fahrten auf der Autobahn mit Geschwindigkeiten um die 120 km/h kann man dagegen zusehen, wie die Batterie schwächer wird.

Stichwort Reichweite: Eine nominelle Reichweite von 145 km ist vom Hersteller angegeben. Im Testbetrieb konnte eine Reichweite von 112 km erzielt werden; die Batterie zeigte dann allerdings noch eine  Restkapazität von 3 Prozent an. Verbraucht wurden beim Test durchschnittlich 19 kwh auf 100 km, was Kosten von etwa 4,50 Euro entspricht. Das vollständige Aufladen dauert an der Steckdose mit 7 Stunden lang. Für einen Aufpreis von 2.900 Euro ist jedoch als Zubehör ein 22-kW-Bordlader erhältlich, mit dem sich die Aufladeprozedur in 1 Stunde bewerkstelligen lässt. Ein Abziehen des Ladekabels an öffentlichen Ladestationen muss man übrigens nicht befürchten: Sobald das Fahrzeug abgeschlossen wird, ist auch das Ladekabel verriegelt.

Wenn man den Smart sein Eigen nennen möchte, muss man mindestens 18.910 Euro ausgeben. Dazu kommen dann noch monatlich 65 Euro für die Batteriemiete. Oder man zahlt 23.680 Euro und kauft das Fahrzeug inklusive Batterie. Dafür erhält man ein mit Radio, Klimaanlage, Fensterhebern, ABS, ESP und 4 Airbags serienmäßig gut ausgestattetes und hochwertig verarbeitetes Elektrofahrzeug.

Unser Testfahrzeug, das noch mit einer schicken Lackierung, Panoramadach, Sitzheizung und mehr ausgestattet war, schlug inklusive der Batterie mit über 25.000 Euro zu Buche.

Als Fazit nach vier Testtagen und 300 gefahrenen Kilometern lässt sich sagen, dass der Smart ein voll alltagstaugliches Fahrzeug ist, das durch seine Handlichkeit auch noch eine Menge Spaß macht. Während des Testzeitraums war ich ausschließlich elektrisch unterwegs und habe das Fahrzeug, mit dem ich normal unterwegs bin, nicht vermisst. 90 Prozent der Fahrten könnte ich heute schon – trotz der eingeschränkten Reichweite – mit einem Elektrofahrzeug bewerkstelligen. Als Zweitwagen eingesetzt dürften sich nur in den seltensten Fällen Einschränkungen ergeben.

Bei einem Aufpreis von etwa 6.000 Euro gegenüber einem vergleichbar ausgestatteten Dieselmodell, das auch nur 3,3 Liter auf 100 Kilometer verbraucht, ist der Smart electric drive allerdings kein billiges Vergnügen. Unter Kosten- und Nutzengesichtspunkten ist sicher (noch) kein Elektroauto rentabel, aber es ist definitiv ein Schritt zur Entlastung der Umwelt und nicht nur zur Beruhigung des grünen Gewissens.

 

Technische Daten

Maximale Leistung 55 kW (75 PS) 

Max. Drehmoment 130 Nm 

Höchstgeschwindigkeit 125 km/h 

Beschleunigung 0 - 100 11,5 sek 

Reichweite nominell 145 km

Reichweite im Test 115 km 

Stromverbraucher (kWh/100km) 15,1 

Leergewicht 975 kg 

Grundpreis 18.910 Euro 

zzgl. Batteriemiete ca. 65 Euro

 

Quelle: Rhön- und Saalepost, Wolfgang Markert