24.11.2012 | Tempo runter für die Reichweite

Das Elektrofahrzeug Nissan Leaf sorgt bei der Testfahrt nach Haßfurt gleich zweimal für einen Wow-Effekt

Bad Neustadt. Wow. Was ist denn das für ein Flitzer? Der Nissan Leaf macht ganz schön was her. Von außen eher gewöhnungsbedürftig, überzeugt der Innenraum und die Ausstattung des Elektrofahrzeugs. Auch in Sachen Vortrieb bleiben keine Wünsche offen. Nur übertreiben sollte man es nicht. Denn wer dem Elektromotor zu viel Leistung abfordert, der kommt nicht weit. Das Ziel der Testfahrt ist knapp 80 Kilometer entfernt, bis nach Haßfurt muss die Lithium-Ionen-Batterie halten. Zunächst. Nach einer Ladepause dort soll es wieder nach Bad Neustadt gehen. Mit knapp 175 Kilometern maximaler Reichweite wirbt der Hersteller, da sollte die Tour für den Leaf doch kein Problem sein. Nun ja. 

Der erste Eindruck ist positiv. Nähert man sich von hinten dem Fahrzeug, fällt als erstes der Heckspoiler mit dem integrierten dritten Bremslicht und an den Seiten die vertikal geschwungene Lichtanlage ins Auge. Der Wagen wirkt trotz einer Breite von 1,77 Metern bei 4,45 Metern Länge schmal, genauso wie der Kofferraum. Doch dieser Eindruck täuscht ganz gewaltig. Der Kofferraum fasst 330 Liter, sieben Sechserpacks Wasser lassen sich beim Discounter problemlos einladen. Die Vorderansicht ist allerdings weniger überzeugend. Dort sollen die Lichter einen ähnlichen Effekt wie am Heck hervorrufen, was jedoch nicht gelingt. Stattdessen fühlt man sich von den hervorstehenden Augen beobachtet – der Micra lässt grüßen – und auch der Deckel über den Steckdosen ist keine Schönheit. Unter ihm verbergen sich zwei Anschlüsse. Einer für 3,3 Kilowatt Wechselstrom. Der Stecker passt in die Heimladestation, die dem Leaf nach maximal acht Stunden seine volle Kraft zurück gibt, oder jede gewöhnliche Steckdose. Dort dauert eine komplette Ladung knapp einen halben Tag. Oder eine ganze Nacht. Außerdem hat der Leaf noch einen 50-kW-Gleichstromanschluss für Schnellladestationen, an denen er binnen 30 Minuten auf 80 Prozent Batteriekapazität aufgepäppelt werden kann. Wer mag, kann den Ladevorgang mit einem Smartphone steuern. 

Ein echter Hingucker ist das Innere des Wagens. Hinein gelangt man, ohne den Wagen aufschließen zu müssen. Das Intelligent-Key-System macht es möglich. Auch ein Zündschloss fehlt beim Leaf. Der Startknopf erfüllt seine Funktion, selbst wenn der Schlüssel nur in der Jackentasche steckt. Auf den futuristisch angehauchten, digitalen Armaturen kann man neben verschiedenen Standardwerten ablesen, wie es um den Ladezustand der Batterie steht oder wie viel Zeit man einplanen muss, um den Akku wieder vollständig aufzuladen. Wer rekuperiert, sprich beim Bremsen Energie zurückgewinnt, sieht virtuelle Bäumchen wachsen. Die schwarz gehaltene Mittelkonsole wirkt auf den ersten Blick klobig, erweist sich aber als multifunktional. Radio und Navigation werden über sie gesteuert, im Rückwärtsgang schaltet sich die Rückfahrkamera automatisch zu. Am Lenkrad lassen sich außer dem Radio der Tempomat und der Geschwindigkeitsbegrenzer mit intuitiv bedienbaren Wippen steuern. 

Unwillkürlich verfällt man bei der Testfahrt nach Haßfurt schon auf dem Autobahnzubringer dem Drang, die Beschleunigungsfähigkeit des Wagens zu testen. Auf der Strecke hinauf nach Rödelmaier mal eben einen Lkw überholen? Kein Problem für den Nissan Leaf, der in 11,9 Sekunden von Null auf 100 km/h beschleunigen kann. Auf der Autobahn besteht der Nissan Leaf die Überprüfung der Maximalgeschwindigkeit. 145 km/h sind möglich und dabei ist der Kleinwagen immer noch ganz leise. Doch wer schnell fährt, sollte die Reichweitenanzeige nicht außer Acht lassen. Rasend schnell fällt der Wert. 135, 120, 105, 95 Kilometer und die nächste Anschlussstelle ist noch gar nicht erreicht. Also runter mit dem Tempo, auch mit 120 km/h kommt man in etwas über 45 Minuten in Haßfurt an. Die Zweifel, ob das Ziel überhaupt erreicht werden kann, verfliegen schnell. Die Reichweitenmessung funktioniert im Zusammenspiel mit dem Tempomat tadellos. Die vom Computer errechneten Werte bleiben die ganze Fahrt über stabil und vermitteln Vertrauenswürdigkeit. Wer übrigens die Klimaanlage abschaltet, kann sieben Kilometer weiter fahren. 

In Haßfurt angekommen zeigt das Display noch Saft für knapp 20 Kilometer an. Genau den Wert, der sich auf der Autobahn bald abgezeichnet hatte. Sieben Stunden lang darf der Leaf nun an einer Steckdose Strom ziehen. Als die Rückfahrt ansteht, meldet der Bordcomputer eine Reichweite von 90 Kilometern. Diesmal führt die Fahrt jedoch nicht über die Autobahn, sondern auf der kürzesten Route quer durch Haßgau und Grabfeld. Über Uchenhofen, Kerbfeld, Wettringen, Stadtlauringen und Großwenkheim führt einen das Navigationssystem sicher und zuverlässig zurück nach Bad Neustadt. Auch auf dieser Passage funktioniert die Reichweitenanzeige tadellos. 

Die Testfahrt hat Spaß gemacht, der im Fahrbetrieb emissionsfreie Nissan Leaf konnte zeigen, warum er 2011 zum „world car of the year“ gewählt wurde. Platzangebot, Ausstattung und Sicherheitssysteme – der Leaf wird serienmäßig mit sechs Airbags, ABS und elektronischer Bremskraftverteilung ausgeliefert – überzeugen. Ein „wow“ wie bei der ersten Ansicht entlockt einem dann jedoch der Blick auf den Preiszettel. 36.990 Euro ruft Nissan für den Leaf auf. Das ist eine gewaltige Hausnummer, auch wenn der Hersteller mit dem günstigen Unterhalt des Wagens wirbt. Auf 100 Kilometern verbraucht der Leaf 17,3 Kilowattstunden, was in etwa drei Euro entspricht. Weltweit hat Nissan bislang seit der Markteinführung vor zwei Jahren etwa 42.700 Leaf verkauft. 

Quelle: Rhön- und Saalepost; Daniel Rathgeber